Wien/Österreich (1. Jänner 2026) — Musikhistoriker und Publizist Ted Gioia stellte vor einiger Zeit öffentlich fest: „This is Spotify’s way of using Artificial Intelligence. They attribute them [compositions, Anm.] to people that don’t exist. And this allows them to take royalities that would go to musicians and to keep them for themselves.”
Ted Gioia bezichtigt also Spotify, selbst AI-generierte Kompositionen und Aufnahmen herzustellen und sie fiktiven Künstlern zuzuweisen. Diese Praxis erlaube es Spotify, für sich selbst Einnahmen aus Streaming in Form von Tantiemen und Lizenzen zu erzeugen, die andernfalls menschlichen Musikschaffenden zukommen würden.
Gioia zufolge steht der Schwede Johan Röhr hinter 656 verschiedenen Pseudonymen, unter denen er Musik am laufenden Band veröffentlicht, zusammen 15 Milliarden Streams, mehr als ABBA oder Michael Jackson. Statistisch hat voriges Jahr jeder Mensch via Internet zwei Stücke von Herrn Röhrs mehr als 2700 Songs umfassenden Œuvre gehört. Röhr muß demnach unglaublich fleißig sein. Mozart mit 600 Werken kann da kaum mithalten.
Automatische Musikstaubsauger oder organisierte Strauchdiebe?
In den neunzehn Jahren, die Röhr Mozart bis heute überlebt hat, komponierte er jeden dritten Tag ein neues Stück — und hat es auch noch aufgenommen. Eine unglaubliche Einzelleistung? Ein Urheberkollektiv wäre dazu unter Umständen in der Lage. Mit „Unterstützung” durch eine generative KI klappt es ganz sicher. Tatsächlich sind KI-Künstler drauf und dran, den Weltmarkt zu erobern. Vor unser aller Augen wird ein neuer industrieller Standard etabliert. Roboter saugen die künstlerischen Werke von Generationen auf. Automaten verarbeiten diese Werke und vermischen sie, weitere Automaten stellen sie ins Netz, wo sie von speziellen Robotern aufgerufen und millionenfach „angehört” werden. Denn der Prüfstein, das Publikum besteht ebenfalls wenigstens zum Teil aus Automaten.
Wen wundert es, daß die Musikkonzerne nicht nur Plattformen wie Udio oder Suno klagen, sondern nun selbst von ihren erfolgreichen Vertragskünstlern die Rechte an deren Stimmen und höchstpersönlichen Interpretationseigenheiten haben wollen, um sie spätestens nach deren Hinscheiden ewig zu „neukomponierten” Werken weitertanzen, fiedeln und singen zu lassen.
Dafür bieten sie ihren Stars hohe Geldbeträge, während Spotify erst gar nicht lange fragen muß. Schließlich kann sich kein Mensch hundert Millionen Songs anhören, geschweige denn merken. Also lasset die Roboter kommen, dann bleibt auch mehr Gewinn in der Familie und den Ausgebooteten wenigstens zunehmende Fassungslosigkeit.
Falls der Gesetzgeber weiter zögert, den größten Raubzug an geistigem Eigentum und die Mißachtung von Persönlichkeitsrechten zu beenden, wird nicht nur der wirtschaftliche Schaden ins Unermeßliche wachsen: Europäisches Urheberrecht wird weltweit vom US-Copyright abgelöst, und eine schöne, digitale Welt verspricht: Das verheißene goldene Zeitalter der Automaten bricht an.
Der Mensch hat — unwissend — bereitwillig die Vorarbeit geleistet. Das Schreiben, Singen und Spielen von Musik war sein intuitiver Beitrag, der — von einer Eingebung, einer unkörperlichen Idee ausgelöst — darin bestand, einen Zugang zu unter normalen Umständen unzugänglichen Ebenen der Wirklichkeit zu öffnen.
PS: Der Mensch hat seine Schuldigkeit getan. Der Mensch kann gehen.
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