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Keine Zwangsbeglückung

»Wir können nur das spielen, was unseren Qualitätskriterien entspricht« – ORF-Hörfunkdirektor Kurt Rammerstorfer im Gespräch mit Sibylle Fritsch.

Der ORF feiert 80 Jahre Radio. Was wird die Zukunft bringen?
Rammerstorfer: Wenn wir das wüßten, wären wir klüger. Aber ich glaube an die Zukunft des Radios als Begleit- und Informationsmedium.

Welche Rolle spielt das Internet?
Wir haben das Radio bereits im Internet gestreamt. Es wird das Netz noch stärker durchdringen. Gerade Ö1, das viel an Inhalt zu bieten hat, erhält damit eine Möglichkeit, Dinge vertiefend darzustellen. Außerdem ist das Internet ein Marketinginstrument für die Positionierung unserer Sender.

Sind für die nächste Zeit neue Radio-Projekte geplant?
Revolutionen wird es keine geben.

Es heißt zwar immer, Begriffe wie Kunst und Kultur sind eine Bedrohung, die Leute drehen ab, wenn sie das hören. Doch Ö1 als Kultur- und Bildungsfunk beweist das Gegenteil und ist europaweit der Vorzeigesender mit einer Tagesreichweite von 8.4 Prozent, das sind knapp 600.000 Hörer. Was läuft da ab?
Die Hörer haben Interesse an intelligent gemachten Programmen und Sendungen. Es handelt sich allerdings nicht um Otto Normalverbraucher, sondern um ein intellektuelleres, gebildeteres, weltoffeneres Publikum, das an intensiveren Inhalten interessiert ist. Die Zahl der Hörer, die sich für schwierige Themen begeistern, steigt sogar. Das ist als Zeichen zu werten, daß die Uniformität vieler Entwicklungen, die man ja auch am Radiosektor findet, den Zulauf zu einem speziellen, Zielgruppen orientierten Programm verstärkt.

Umso mehr wundert es mich, daß spezifische Theatersendungen wie »Im Rampenlicht«, »Scala« [außer zur Festspielzeit] oder »Nach der Premiere« ebenso wie bildende Kunst- und Architektursendungen gestrichen wurden.
Es heißt doch nicht, daß einzelne Sendungen ihr ewiges Bestehen feiern können, und es heißt auch nicht, daß diese Themen überhaupt nicht mehr vorkommen. Solche Entscheidungen, Sendungen zu streichen, sind eine Frage des Erfolgs, aber auch des Zwanges zum Sparen.

In den Landesstudios wurden die Kultursendungen reduziert bis abgeschafft.
Sie wurden nur anders positioniert. Die meisten regionalen Radios des ORF sind tagsüber formatiert, in den Abendstunden wird jedoch hoch stehendes Kulturprogramm aus ihrer Region gesendet. Es ist Aufgabe des regionalen Radios, die Region abzubilden.

Ö-Musik: "Wir lassen uns auf diese Diskussion nicht mehr ein!"

Zur Radioreform 1967 gehörte auch die Gründung von Ö3 unter der Leitung von Ernst Grissemann, getragen von einem persönlichkeitsorientierten Moderatorenkonzept. Persönlichkeiten wie Walter Richard Langer wählten in ihren Sendungen ihre favorisierte Musik aus und brachten ihre Leidenschaften ein. Ö3 mit der Musicbox als Markenzeichen entwickelte sich zum erfolgreichen intelligenten Pop-Massen-Unterhaltungssender, zur Cash-Cow des ORF. Wenn ich heute Ö3 einschalte, höre ich indifferente Moderatoren, Informationsmodule eingestreut in einen eng segmentierten, musikalischen Einheitsbrei. Haben die Massen kein Recht mehr auf ein intelligentes Programm?
Ist es unser Aufgabe, die Leute mit etwas zwangszubeglücken oder sie zu informieren und zu unterhalten? Ich neige dem Zweiten zu, was nicht heißt, daß es gerade bei Ö3 nicht intelligent zu geht. Außerdem gibt es hier humanistische Ansätze wie beispielsweise die Licht ins Dunkel-Aktion, um ein Kinderdorf in Wien zu bauen. Auf diese öffentlich-rechtlichen Inhalte können wir stolz sein. Außerdem ist es schön, für fast drei Millionen Hörer täglich Programm zu machen. Da ist es nur logisch, daß wir untertags bei Ö3 Musik spielen, die mehrheitsfähig ist; und wir haben einen musikalisch breiten Geschmack zu bedienen. In Ö3 gibt es aber auch Comedy-Elemente, ausgezeichnete Information und ein gutes Service. Viele Inhalte der Musicbox zum Beispiel finden Sie jetzt auf Ö1 – ungewöhnliche und exzeptionelle Musik, die nicht Mainstream ist.

Trotzdem hat Ö3 einen leichten Hörerrückgang vorzuweisen …
… seit sieben Jahren ist Ö3 konstant, schwankt nur ein bißchen auf und ab. Aber um noch mal auf die Kritik zurückzukommen, Ö3 sei glatt und formatiert. Wir setzen Kontrapunkte beispielsweise in der Nacht, mit der Sendung Freundeskreis, wo Prominente bis hin zu Elton John ihre Lieblingsmusik moderieren.

Der Jugendsender FM4 hat eine Reichweite von knapp vier Prozent. Ein Minderheitenprogramm. Zufrieden?
Sehr zufrieden. Wir liegen damit deutlich über den Vorgaben. Es ist ein anspruchsvoller Sender, mit eigenem Profil, mehrsprachig und mit kulturellen Inhalten.

Der ORF profitiert von der Kreativität der Künstler und sollte auch ihr Geldgeber und Lobbyist sein. Wie sehr wird etwa in Österreich produzierte Musik berücksichtigt?
In Österreich wird wenig produziert. Wir haben einen Bandwettbewerb gemacht und damit heimische Künstler gecastet und gefördert, wie etwa die Gruppe Shiver, die jetzt einen Plattenvertrag bekommt. Christl Stürmer wird von Ö3 auf und ab gespielt. Und was generell die Förderung von Künstlern betrifft, so ist gerade Ö1 ein Hort für sie. Wir berichten über sie, viele sind bei uns tätig. Dazu kommt das RadioKulturhaus, wo fast täglich Künstler auf der Bühne stehen. Natürlich haben es Künstler in Zeiten wie diesen, wo überall gespart wird, nicht leicht.

Im Hörspielbereich werden Autoren die Rechte nicht mehr abgekauft, was für sie eine finanzielle Einbuße um 50 Prozent bedeutet.
Wir haben früher Rechte abgekauft, die wir nicht brauchten. Jetzt kaufen wir nur noch die Rechte, die wir brauchen.


"In Österreich wird zuwenig produziert!"
Kurt Rammerstorfer (Fotos: Niki Witoszynskyj)

Das ORF-Radio sendet nur zu 15 Prozent österreichische Kompositionen und hauptsächlich Konzernmusik aus USA und Großbritannien auf Ö3. Warum dieses Unverhältnis?
Das ist ein endloser Diskurs. Was ist österreichische Musik? Es gibt verschiedene Annäherungen. Wir spielen halt keinen Austropop in Ö3, österreichische Künstler wie Saint Privat treten dort allerdings sehr wohl auf. Aber wir lassen uns auf diese Diskussion nicht mehr ein, das ist müßig, wir können nur das spielen, was unseren Qualitätskriterien entspricht und was am Markt vorhanden ist.


Lebende zeitgenössische Komponisten werden in Ö1 im Schnitt 15 Minuten täglich bzw. nächtlich gespielt. Ist das Ihrer Meinung nach genug?
Es gibt täglich die Sendung Zeitton, jeweils eine Stunde lang, das spielt kein anderer Sender dieser Republik, aber das heißt nicht, daß zeitgenössische lebende Künstler nur dort vorkommen, außerdem haben wir ein Orchester, das sich mit zeitgenössischer Musik beschäftigt.

Warum wird Zeitton erst um 23 Uhr gesendet?
Weil nur ein kleines, aber feines Publikum daran interessiert ist. Das meine ich nicht abwertend gegenüber anderen Ö1-Hörern. Diese Musik erfordert eine große Hingabe und ist einfach schwierig zu konsumieren. Würden wir sie in der Früh spielen, würden wir bald viel weniger Ö1-Hörer haben. Ich halte nichts von zwangsbeglückenden Maßnahmen. Deshalb haben wir die 23-Uhr-Zeitschiene gewählt und konnten in den letzten Jahren großartige Steigerungen an Hörern erreichen – allerdings auf einem niedrigen Niveau, denn zu dieser Stunde hören nicht mehr so viele Leute Radio.

Welches ist ihre Lieblingssendung?
Ich hab’ alle meine Kinder lieb.

Was halten Sie von der deutschen Diskussion um die Quotenregelung?
Nichts! Ich halte nichts von einer Zwangsverpflichtung wie in der ehemaligen DDR. Dort sind die Dinge auch verordnet worden. Aber das ist nicht das Lebensgefühl, das ich mir vorstelle. Ich bin für die freie Wahl.

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