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Alles gratis?

»Das Urheberrecht gefährdet die Demokratie!« Das behauptet ein holländischer Wissenschaftler. Alles für alle! Alles Käse?

Wien (13. Juni 2013) – Netzpolitik und Netzfreiheit mögen uns Künstler nicht. Das ist allerdings politisch inkorrekt, weshalb man diese Abneigung mit wissenschaftlichen Argumenten zu untermauern sucht. Dabei geht man im wesentlichen von einer einzigen, falschen Prämisse aus: Das Urheberrecht sei vom Staat eingeführt worden, „um Anreize dafür zu geben, daß intellektuelle Werke zum Nutzen der Allgemeinheit überhaupt geschaffen werden“.

Bewußt weggelassen wird der erste Teil der Begründung: Das Urheberrecht soll dem Künstler eine Existenzgrundlage bieten. So wird aus der halben Wahrheit eine Lüge, die gelehrte Schwätzer lang und breit kommentieren. Willkommen im Paralleluniversium!

Alles Käse quer 182mm

Intellektuelles Peitschenschlagsyndrom

Also: Warum ist dieses System, das Urheberrecht, nicht gut für die Demokratie?

„Weil ein wesentlicher Teil unserer Kommunikation privatisiert wird“, antwortet Professor Joost Smiers. „Ich kann auf Werke nicht reagieren. Ich kann zwar eine Kritik schreiben, aber ich kann das Werk nicht ändern.“ [Zitate aus einem futurezone Interview.]

„In vielen Kulturen war und ist es etwa üblich, daß Musik nachgespielt und verändert wurde“. Das sei lebendige Kultur, führt Dr. Smiers weiter aus. „Das Urheberrecht friert die Kultur ein. In unserer Gesellschaft sind wir dazu verurteilt, passive Konsumenten zu sein. Wir müssen die Arbeit von anderen ändern dürfen und darauf aufbauend arbeiten können. Wenn das nicht möglich ist, verlieren wir unsere Kultur.”

Die Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit [Karl Valentin]

Stimmt das? Nun, erstens ist das Nachspielen nicht verboten, und zweitens wird niemand daran gehindert, eigene Ideen zu eigenständigen Werken auszuarbeiten. Sicher ist nur: Ein einheitliches Urheberrecht für verschiedene Kunstsparten ist nicht zielführend. Filmschaffende haben andere Bedürfnisse als Musiker, Bildende Künstler andere als Literaten. Nur: Smiers will das Urheberrecht generell beseitigen: „Wenn ich ein Buch schreibe, und Sie setzen Ihren Namen darunter und verkaufen es, dann gibt es auch heute Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Dazu brauch’ ich kein Urheberrecht.“ – Welches Recht er meint, verrät er uns nicht. Das Faustrecht?

Persönlichkeits- und Wettbewerbsrecht greifen jedenfalls zu kurz. Joost Smiers: „Die Kultur wird von großen Konzernen dominiert. Das hat ein System von Blockbustern zur Folge, das für die meisten anderen Künstler ein Problem ist. Sie werden kaum wahrgenommen. Kulturelle Vielfalt ist nicht möglich.” Als Konsequenz schlägt Smiers vor „das Urheberrecht abzuschaffen und mit dem Wettbewerbsrecht große Unternehmen zu verkleinern. Wir brauchen diese Konzerne nicht. Dieses System ist für die meisten Künstler schlecht, und es ist auch schlecht für die Demokratie.“

Musik von Automaten für Automaten?

Tatsächlich hat die Musikindustrie den Stillstand in wesentlichen Bereichen mitzuverantworten. Einmal produzieren, weltweit verkaufen. Zwecks Gewinnoptimierung stellt sie immer mehr von Demselben her; und dazu braucht sie auch immer weniger Musiker – immer öfter gar keine.

„Die Investitionen der großen Unternehmen werden durch das Urheberrecht geschützt. Bei großen Produktionen werden bis zu 60 Prozent des Budgets in Werbung und Marketing gesteckt. Darunter leidet der Wettbewerb”, analysiert Professor Smiers.

Da hat der Herr Professor recht. Was er unerwähnt läßt: Auch die kleinen Plattenfirmen werden derart geschützt, weil sie den Schutz ihrer Investitionen auch brauchen; und die großen sind längst dazu übergegangen, selbst in ihr Schema passende Produktionen nicht einmal geschenkt in ihren Katalog aufzunehmen. Vielfach erwarten sie vom Künstler oder Produzenten auch noch die Finanzierung des Marketing – als Voraussetzung für einen Plattenvertrag.

Interesse besteht bestenfalls an großen Stars. Der Markt will es so. Geblendet vom hellen Schein, sieht man die im (Halb)Dunkel nicht. Dort arbeiten unzählige Spezialisten an Kompositionen, Texten, Arrangements und Interpretationen. In schumrigen Kellern feilen sie an Aufnahmen, bis diese reif zur Veröffentlichung sind. Sie alle sind auf Tantiemen und Lizenzen angewiesen – ebenso wie jene Musikerinnen und Musiker, die tagtäglich öffentlich auftreten, meist um bescheidene Gagen, wenn sie nicht schon dafür zahlen müssen – was immer öfter verlangt wird.

Um die Musikindustrie zu treffen – und die Demokratie zu retten –, schlägt Professor Smiers vor, uns Musikschaffenden den Hahn abzudrehen. Quasi ein Kollateralschaden. [Kinder reicher Eltern können auf diese Weise selbst den Hahn zudrehen.] Bemerkenswert dabei ist, daß jene, die locker das Ende unserer Urheber- und Leistungsschutzrechte fordern, fix angestellt sind, und nicht von Urheberrechten leben.

Alles Käse hoch 182 mm

Gewinner und Verlierer

Einer anderen wissenschaftlichen Theorie zufolge ist alles bereits komponiert worden: jede Melodie, jede Harmoniefolge, jeder Rhythmus. Angeblich bleibt nichts Neues mehr zu erfinden, und vermutlich ist alles auch schon aufgenommen worden. Warum, mag sich so mancher fragen, warum soll ich mich also der Mühe unterziehen, jahrelang ein Instrument zu erlernen? Jetzt kann sich endlich jeder aus einem reichhaltigen Fundus bedienen und mit den Leistungen anderer selbst zum umjubelten Star werden – und bei „Live-Auftritten“ abkassieren.

Im Zeitalter der totalen Selbstbedienung gibt es eben Gewinner und Verlierer; und der Masse der verarmten Kunstschaffenden stehen bald keine Plattenfirmen mehr gegenüber, sondern nur mehr Konzerne, die selbst nichts mehr produzieren, sondern einfach nur Plattformen zur Selbstdarstellung anbieten. Alle "User" [und selbstverständlich auch alle "UserInnen"] können endlich alles ins Netz hinaufladen, was sie für notwendig und würdig erachten. Geistiges Eigentum wurde ja abgeschafft. Alles gratis!

Nutznießer sind Gerätehersteller, Serviceprovider und Online-Plattformen, die den „Content“ ohne Kosten – und nach der Abschaffung des Rechts – auch noch ganz legal erhalten. Wo sich viele Leute tummeln, ist die Werbung nicht weit – eine Werbung, die sich gezielt an die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe wendet. Die Einnahmen aus den Werbeeinschaltungen sorgen für noch nie dagewesene Gewinne, die nun ganz allein den neuen Wohltätern der Menschheit zugute kommen. Endlich frei.

Willkommen in der schönen neuen Welt des Feudalismus. Das Netz wird weiter ausgeworfen. Demokratie und Rechtsstaat sind nicht mehr in Gefahr. Sie wurden abgeschafft. pps

PS: Joost Smiers’ Buch „No Copyright“ gibt es nicht gratis, sondern um 9,95 € zu kaufen – hier .

Fotos: Peter Paul Skrepek

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