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Sir George lebt hier nicht mehr

Schlagzeuglegende Georg Polansky verstarb im 49. Lebensjahr unerwartet am Samstag, dem 13. Juni 2009. Eine Würdigung von Peter Paul Skrepek.

Wien (27. Juni 2009) – So spektakulär und dynamisch sein Schlagzeugspiel war, so leise verabschiedete sich seine Seele im Schlaf. Georg Polansky wollte sich nur hinlegen, um ein wenig auszuruhen – und erwachte nicht mehr.

Schon als Kind trommelte der kleine Georg – damals noch auf Kochtöpfen. Seine Eltern Katarina, eine ausgebildete Pianistin, und Paul, ein renommierter Schlagzeuger, legten ihm die Musik quasi in die Wiege. Als knapp acht Jahre später im August 1968 die Panzer wieder durch die Tschechoslowakei rollten, verließ die Familie das heimatliche Preßburg und flüchtete donauaufwärts nach Wien.

Hier besuchte Georg gemeinsam mit seinem um ein Jahr älteren Bruder Peter das Bundesgymnasium Wien 5 in der Rainergasse [kurz: BGV], eine Anstalt [Eigendefinition], aus der eine ganze Reihe von bekannten Musikern hervorging: Martin Fuss, Robert Pistracher, Martin Kerschbaum, Hans Hölzl ... um nur einige zu nennen. Dort kreuzte Georg auch meine Wege. Nach einem Blood, Sweat & Tears-Konzert in Wien beschloß er, Schlagzeuger zu werden und infizierte einen Klassenkameraden durch ständiges Trommeln auf der gemeinsamen Schulbank ebenfalls mit diesem Virus. »Ohne Georg wäre ich nie auf die Idee gekommen, Schlagzeug zu spielen«, bekennt Martin Kerschbaum, der es zum Wiener Symphoniker gebracht hat, heute freimütig.


Georg 1974 im Probekeller zu St. Josef und 1983 im Motiva-Studio - Fotos: P.P.Skrepek

Doch der Reihe nach. Zuerst pilgerten die beiden in die "Katakomben" unter der Kirche St. Josef in Wien-Margareten. Dort hatten sich einige Schüler der Rainergasse einen Proberaum eingerichtet. Während sie einerseits – als Raummiete – bei sonntäglichen Jazz-Messen die Gläubigen mit ungewöhnlichen Rhythmen konfrontierten [der Glaube vermag zwar Berge zu versetzen, doch gegen das Mitklatschen auf Eins und Drei kämpfen Götter selbst vergebens], opferten Erhard Suess, Wolfgang Passegger, Herbert Paget und meine Wenigkeit andererseits unter der Woche ihre Freizeit der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts: Blues, Jazz, Pop, Rock – und allen Mischungen daraus. Wir waren damals zwar Langhaarige und daher grundsätzlich verdächtig, musizierten allerdings mit dem Segen des Kaplans, der uns immer wieder im Keller besuchte und unser Treiben für gottgefällig erklärte – obwohl unsere teilweise selbstgebastelten Verstärker höllisch laut waren.

Susquehannah – die Band

Im Jänner 1973 wurden Georg und Martin offiziell als Percussionisten aufgenommen, wobei letzterer bald eine eigene (Schul)-Band gründete. Georg hingegen blieb und ersetzte ab Mai den durch einen Autounfall zeitweilig verhinderten "Stoffi" Paget am Schlagzeug. Vorerst nur provisorisch, aber ein Jahr später wechselte Paget zum Fenderpiano, ich blieb bei meiner Gitarre, Peter Polansky übernahm den E-Baß –  und Georg wurde der Schlagzeuger von Susquehannah.

Das Schlagzeug war sein Lebensinhalt geworden. Nach der Schule machte er sich oft auf den Weg ins nahe Funkhaus, um Erich Bachträgl, der ihn später unterrichtete, bei Aufnahmen zuzuhören. Er übte wie ein Besessener [und besessen muß man sein, um weiterzukommen], studierte David Garibaldi [Tower Of Power], Steve Gadd und Harvey Mason ebenso wie Billy Cobham – und öffnete mit seinem Talent und seiner überbordenden Spielfreude neue Wege, die unsere später zum Quartett geschrumpften Gruppe zum Gewinn der Wettbewerbe Musik der Kontraste 1976 und Pop-odrom 1977 führten. Im Gefolge dessen lud uns der ORF ein, im bestausgestatteten RP2-Studio im Wiener Funkhaus zwei Stücke aufzunehmen [danke, Paul], bezahlte uns Gagen – wir konnten Wolfgang Puschnig als Gast engagieren –, und sendete die Produktionen regelmäßig auf Ö3. Das war 1978 noch möglich.


Eines von vielen Susquehannah-Konzerten in der Wiener Kärntnerstraße 1975 [v.l.n.r.] mit Georg Polansky (dr), Peter Polansky (perc), Peter Paul Skrepek (g), Erhard Suess (b), Wolfgang Passegger (g), Herbert Paget (p) - Foto: H. Radl

Georgs Spiel überstrahlte alles, er war in Hochform. Die Aufnahmen von damals klingen auch heute keineswegs alt, sondern zeugen von einer beispiellosen Unbekümmertheit eines Musikers, der auch technisch Anspruchvolles selbstsicher mit lockerer Souveränität aus dem Ärmel schüttelte. Der große Erfolg für unsere Band wollte sich jedoch nicht einstellen, und so geschah das scheinbar Unausweichliche. Wir zerstritten uns, die Gruppe zerbrach und ging den Bach hinunter.

Ein neuer Stern am Firmament

Der Stern Georg Polanskys jedoch ging auf. In der neu erwachenden Musikszene der 80er Jahre galt er als die große Entdeckung. »Er war unglaublich«, erinnert sich Schlagzeuger-Kollege Heribert Metzker, »und wir haben erkannt, daß wir nicht mehr nur nach Amerika schauen mußten, plötzlich gab es in unserer Musiksparte auch in Österreich Weltklasse!« Tatsächlich spielte Georg hier in einer eigenen Liga: unter anderem mit Meistergitarristen wie Harri Stojka und immer wieder mit Karl Ratzer [zuletzt zwei Tage vor seinem Tod], oder im Trio mit Harry Pepl und Werner Pirchner. Er begleitete den Stimmvulkan Karin Raab, spielte für Pepo Meia, lange Zeit mit Georg Gabler und Leo Bei, sogar beim Song-Contest, trommelte von Bobby Hammer und Günter "Mo" Mokesch bis zur Rock'n'Roll Legende Chuck Berry und – selbstverständlich – bei Drahdiwaberl. Auch als Studiomusiker war er gefragt und arbeitete unter anderem mit Christian Kolonovits und Robert Ponger.


Georg nach dem Schlagzeugsolo im Motiva-Studio, August 1983, Foto: PPS

Zwischendurch nahm er nochmals am Pop-odrom Wettbewerb teil, diesmal mit Martin Kerschbaum [Vibraphon], Martin Fuss [Saxophon] und Bertl Pistracher [Baß], seinen Schulfreunden aus dem BGV, und zwar unter dem Namen Jenissei Jazz Corporation. Als Susquehannah konnte er ja nicht zweimal antreten. Den Flüssen aber blieb er treu. Während der Susquehannah durch Pennsylvanias Wälder mäandert und von Lederstrumpf im Lauf der gleichnamigen Erzählungen von James Fenimore Cooper mehrmals überquert wird, wälzt sich der Jenissei durch die endlose Weite Sibiriens.

Wer den Jenissei aller überquert hat, ist mir nicht bekannt – der Sieg jedenfalls war Georg auch diesmal nicht zu nehmen. Doch allen seinen Erfolgen zum Trotz wurde er zunehmend unzufrieden, verlor sein Selbstvertrauen und zweifelte mehr und mehr an seinen Fähigkeiten, wenn es ihm nicht wie früher gelang, musikalische und Hürden anderer Art in gestrecktem Galopp spielerisch einfach zu überspringen. In sich gekehrt, grübelte er über den Grund seines – vermeintlichen – Versagens. Vermeintlich, denn er hatte die Gabe, fast jedes Instrument zum Klingen und zum Grooven zu bringen.

Mein »Funk-Universum« (© Thomas Pfleger)

Bis 1981 der Maler und Musiker Georg Melchart ein schräges Musik- und Performance-Projekt auf die Beine stellte und dafür zuerst Georg Polansky und dann Bertl Pistracher am Baß und Marcus Davy als Pianist begeistern konnte. Schließlich stieß ich als Gitarrist und Lieferant von Funk-Kompositionen mit skurrilen englisch-deutschen Texten dazu. Jeweils mit verschiedenen, durchaus unbekannten Gaststars verstärkt, machten wir in den folgenden Jahren die Wiener Beisl- und Clubbühnen unsicher – vom Klemmer über das U4 bis zum Metropol.


Susquehannah 1983, Brunnengasse – Peter Paul Skrepek, Marcus Davy, Georg Melchart, Harry Sokal, Georg Polansky, Bertl Pistracher – Foto: B. "Selbstauslöser" Pistracher

Da war er wieder: der groovende, treibende pure Rhythmus, hineingeknallt in rauchige schlechtgelüftete Lokale voller Bierdunst – und voller Publikum im Angesicht des Schweißes, bis weit nach Mitternacht. Gemeinsam übten wir uns in der höchsten Disziplin: den Intellekt auszuschalten und in der Musik aufzugehen. Die Welt als Sechszehnteltriole –  mit Wah-Wah.


Georg Polansky bei den Aufnahmen im Motiva-Studio, Wien, 1983 – mit Andi Steirer (perc), Brian Cox (b), Georg Gabler (keyb), Harry Sokal (ts), Hannes Kottek (tp), Bumi Fian (tp), Christian Radovan (tb), Bobby Dodge (tb) und Peter Paul Skrepek (voc, g)
Foto: P.P.Skrepek

Unsere Anstrengungen mündeten in zwei Singles: Irrlichter [über der Tanzfläche] / Grüß Gott mit Solist Harry Sokal am Tenorsaxophon und Feuer am Dach / Rette sich, wer kann mit der damals 12-jährigen Stella Jones als Sängerin. Georg lieferte zum Irrlichter-Playback ein fulminantes Schlagzeugsolo [zu den Hörproben], das sogar einmal im Abendprogramm von Ö3 gesendet wurde. [Heute völlig undenkbar, Computer spielen kein Solo.] Das Titanic in der Wiener Theobaldgasse wurde Hauptbühne für die zweite Auflage von Susquehannah, und Georg trommelte sich dort regelmäßig die Seele aus dem Leib. Bei ihm sah alles ganz leicht aus. Seltene Videomitschnitte sind Belege seiner Klasse.


Feuer am Dach: Georg Polansky, Stella Jones, Peter Paul Skrepek, 1984
Foto: Peter Hassmann

Bis er eines Abends kurz vor dem Auftritt, wir schrieben den 17. November 1984, sein Schlagzeug abbaute – niemand wußte warum – und es der ganzen Überredungskunst unseres gemeinsamen Freundes Peter Schrammel bedurfte, um ihn doch noch zum Spielen zu bewegen – dann auf einem auf das Notwendigste reduzierten Drumset und mit anfangs steinerner Miene. Es wurde dennoch ein tolles Konzert; unser letztes gemeinsames spielten wir, ebenfalls im Titanic, rund ein Jahr später.

Was mach' ich hier, in Amerika?

Im Jahre 1986 tourte er zwei Wochen mit Jonesmobile durch die USA und gab rund zwanzig Konzerte. Mit von der Partie waren nicht nur Christine Jones und Peter Schrammel, sondern auch Günther Radelmacher, Martin Fuss – und Bertl Pistracher, mit dem Georg immer besonders harmonierte. »Statt mit uns gemeinsam durch Washington und New York zu ziehen, blieb Georg allein im Zimmer, um auf einem Sessel time zu üben … tick, tick, tick, stundenlang«, erzählt Bertl. Darauf angesprochen, antwortete Georg: »Was mach' ich hier, in Amerika?« – Das Schicksal [in Form einer zeitgleichen LP-Produktion] hinderte mich, obwohl langjähriges Jonesmobile-Mitglied, an dieser Reise teilzunehmen. Leider!

Georgs Leben glich immer mehr einer Berg- und Talbahn. Er ging durch die Psychopharmaka-Hölle und mußte sich schließlich in stationäre Behandlung begeben. Zwar fing er sich wieder, aber seine Augen hatten jeden Glanz verloren. Daß er sich aus diesem Tief befreien konnte, ist auch der heilenden Kraft der Musik zuzuschreiben.


Foto: Niki Witoszynskyj

Nicht nur Musik hilft. Nach einer sehr langen Pause beschäftigte er sich wieder intensiv mit dem Zeichnen – Grafik war ein weiteres großes Talent von Georg – und mit dem Computer. Auch die Schlagzeug-Sticks nahm er erneut in die Hand. Ab 1994 spielte er sieben Jahre lang bei Solar. »Mein kleiner Bruder vom anderen Stern!« erinnert sich Bassist und Fotograf Niki Witoszynskyj an ihn wie an ein Familienmitglied. Mit der Band von Gitarrist Thomas Pfleger, JazzMed [Robert Schönherr, Stefan Pelzl, Bertl Mayer, Jovan Torbica], trat Georg in den letzten Jahren mehrmals im Porgy & Bess und in anderen Wiener Clubs auf. »Ein positiver Mensch, der niemandem Böses wünschte, stets offen für Neues«, beschreibt ihn Thomas Pfleger. »Uns allen, die Georg gekannt haben, wird erst langsam bewußt, wen wir verloren haben.«

Georg Polansky, bis zuletzt bestrebt, ein besserer Mensch zu werden, holte sich beim Anrennen gegen Mauern oft eine blutige Nase. Vielleicht hat ihm niemand gesagt, daß man manche Hürde auch umgehen und so hinter sich lassen kann. Wenn sie dann später leicht zu nehmen wäre, existiert sie oft gar nicht [mehr]. Wahrscheinlich hätte er das ohnehin nicht geglaubt. Eingebildete Hindernisse sind wirklich unüberwindbar.

Regelmäßig klopfte er bei der Musikergilde an, deren Mitglied er von Anfang an war, und brachte seine neuesten Kompositionen und Aufnahmen vorbei: »Hör's Dir an, wenn Du Zeit hast, und sag mir, wie's Dir gefallen hat!«


Georg Prinz von Polansky zu Pressburg und Wien, 1999 - Foto: Niki Witoszynskyj


Den Alltag konnte er phasenweise nur mit Medikamenten bewältigen. Ihrer Auswirkungen war er sich wohl bewußt, auch wenn er mir gegenüber seinen psychischen und physischen Zustand gern lapidar zu kommentieren pflegte: »Weißt', Capu, ich rauch' zuviel. Ich sollt' wirklich aufhören zu rauchen.«

Bei all seinen Ambitionen war er dennoch nur mehr ein Schatten seiner selbst. Seine Technik war noch da, das früher lodernde Feuer jedoch nahezu erloschen. Unter dem heute alles beherrschenden ökonomischen Aspekt betrachtet verlief sein Leben nach der behüteten Kindheit und sorglosen Jugendzeit nicht besonders erfolgreich. Aber das zählt jetzt nicht mehr. Georg hat alles, was er geben konnte, gegeben und mit diesem Geschenk seinen Beitrag zur Weiterentwicklung vieler geleistet. Mehr als zehn Jahre gingen wir den Weg gemeinsam, eine Reise, an die ich mich gern erinnere.

Zuletzt war er wieder guter Dinge, arbeitete mit seinem Kollegen Kosmo an einem Musiktheater-Projekt und nahm auf Einladung von Musikchef "Pogo" Kreiner gemeinsam mit Kosmo eine Sendung über Fusion-Musik für den Wiener Radiosender Superfly auf. Die Ausstrahlung hat er nicht mehr erlebt.

Am Samstag, dem 13. Juni 2009, starb Georg Polansky. Aber wie heißt es: Wirklich tot ist nur der, an den niemand mehr denkt. Ich denke an Dich, Georg.


Georg Polansky vor dem Schauspielhaus Wien, 2007 – Foto: Niki Witoszynskyj


PS: Wir verabschieden uns von Georg Polansky am Freitag, dem 10. Juli, um 11 Uhr, in der Feuerhalle Wien-Simmering und begleiten ihn dann auf seinem letzten Weg zur ewigen Ruhe.

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