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Gesundheit ist geil

Die neue "Gesundheitsversicherung" bringt nicht die geringste Verbesserung für Künstlerinnen und Künstler - sie ist eine "gutgemeinte" Verhöhnung.

Wien (2. Dezember 2011) - Wer gesund ist und zum Arzt geht, bekommt einen Bonus. Wer nicht raucht, nicht trinkt, Sport betreibt und sich gesund ernährt - und das auch seinem Arzt beweisen kann - spart sich künftig die Hälfte des zwanzigprozentigen Selbstbehalts bei der SVA.

Aber wir sind im Jahr 2001 als Neue Selbständige nicht Versicherte der SVA geworden, damit wir uns von ihr und ihren Vertragsärzten Gesundheitsvorschriften machen lassen. Wir wurden zu Versicherten der SVA, weil uns der Gesetzgeber sozial absichern wollte. Nun will uns die SVA vorschreiben, wie wir gesund zu leben hätten - und wenn wir nicht nach ihren Vorstellungen gesund leben, uns die volle Härte ihrer Selbstbehalte spüren lassen, die wir ohnehin schon spüren.

Es ist glatter Unfug, unsere Selbstbehalte um die Hälfte zu senken, wenn wir vor lauter Gesundheit keine Arztkosten mehr verursachen. Es ist Zynismus, wenn wir im Krankheitsfall als selbstverschuldete Kranke mit Verdacht auf ungesunde Lebensweise dastehen, vielleicht auch noch abrufbar und einsehbar für jeden und jede in möglicherweise auch noch den unterschiedlichsten Datenbanken den selbstverschuldet Alkoholkranken verkörpern müssen, weil vielleicht unsere Leberwerte nicht stimmen oder man uns als Kettenraucher präsentiert, weil wir an einer Lungenunterfunktion leiden.

Der Patient freut sich?

"Wenn sich zwei einig sind, freut sich der Patient", sagte der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl (WKO-Bild), anläßlich der Vorstellung des Modells der Gesundenversicherung, der dabei schon von uns als Patienten und nicht als Gesunde ausgeht und das Modell gleich an sich selbst erproben will. Dabei müßte er doch selbst am besten wissen, daß er kein Beispiel für die bei ihm Versicherten aus dem Bereich der Kunst darstellen kann, die sich nämlich vor lauter gesund sein müssen jetzt schon jeden Termin beim Arzt, den sie sich ersparen können, ersparen.

WKO-Präsident Leitl dürfte übersehen haben, daß die Wirtschaftskammer nur jene Kunstschaffenden vertritt, die auch ein Gewerbe ausüben - also eine verschwindende Minderheit. Auf die allermeisten freischaffenden Künstlerinnen und Künstler trifft das nicht zu. Sie sind Neue Selbständige. Weiters dürfte ihm entgangen sein, daß Einpersonenunternehmen (EPUs) nicht nur im Bereich der Kunst ohne Krankengeld und Arbeitslosenversicherung existieren müssen und sich schon allein deswegen das Kranksein gar nicht leisten können - trotz möglicherweise schlechter Blutdruckwerte, die sie ganz leicht bei solchen Versicherungsverhältnissen bekommen können.

SVA-Obmann Leitl dürfte überdies nicht wissen, daß die meisten der bei ihm Versicherten aus dem Bereich der Kunst gerne wenigstens so viel verdienen würden wie durchschnittliche Angestellte, für die ein längeres Kranksein nicht gleich mit der Aussicht auf den Ruin verbunden ist.

Businessplan für Gesundheit - Gesundheit ist geil

Summa summarum bedeutet das vorgestellte Modell die Aufhebung der Solidarprinzips von Gesunden mit Kranken, unterstellt vorsätzliches Krankwerden, suggeriert, Krankheit sei selbstverschuldet, entschuldigt krankmachende Verhältnisse und führt die Grundidee einer allgemeinen Pflichtversicherung ad absurdum, als wäre die Gesundheit das Ergebnis einer Leistung. Eines Leistungsdenkens, das am ehesten in den Burnout führt, von dem Künstlerinnen und Künstler in großer Zahl betroffen sind und für den die SVA keine medizinischen Kosten übernimmt, die somit mit einem 100prozentigen Selbstbehalt bei den Versicherten anfallen, dicht gefolgt von Brillenkäufen, Sehbehelfe, die von Literaten und Musikschaffenden zwar unbedingt benötigt werden, aber ebenfalls nur zu einem Näherungswert von an die 100 Prozent Selbstbehalt bei den Versicherten selbst anfallen.

SVA-Obmann Leitl hätte sich durch einen Blick in die erst vor wenigen Jahren im Auftrag des BMUKK erstellte Sozialstudie ganz leicht selbst überzeugen können, daß die bei ihm Versicherten aus dem Bereich der Kunst mit der Kunst nicht nur weniger als alle anderen verdienen, er hätte auch ganz leicht feststellten können, daß sie dafür auch das Doppelte arbeiten, und daß sie also überwiegend Kandidaten für das Krankenversicherungsmodell und nicht für das Gesundenversicherungsmodell sind. Oder, um es anders auszudrücken, wer gesund ist, braucht keinen Arzt, eine Krankenversicherung braucht er trotzdem, nämlich für den Krankheitsfall.

Wir lehnen das Modell der Gesundenversicherung ab. Wir fordern die SVA und die WKO auf, sich ernsthaft mit der sozialen Absicherung der Künstlerinnen und Künstler zu beschäftigen statt mit in öffentlichen Auftritten Modelle in Medien werbewirksam vorzustellen, die mit der Lebenswirklichkeit der SVA- Versicherten nichts zu tun haben. Ein erster Schritt dazu wäre die Herabsetzung des Selbstbehaltes auf Null.

Mut zur Altersarmut. Willkommen in der Selbständigkeit.

Christoph Leitl will den Selbstversuch wagen. Das heißt, er arbeitet ebenfalls auf Werkvertragsbasis. Ein Honorar für seine Tätigkeit erhält er daher nur im Erfolgsfall. Kollegial wünschen wir ihm alles Gute! Schauen wir, ob das Werk gelingt. Hoppauf!

Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren
Peter Paul Skrepek, Musikergilde

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