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Wer hat mein Lied so zerstört?

Gesucht: sperrige Kunst, innovativ, ohne Marktchancen – Geboten: kein Lohn, keine soziale Sicherheit, Altersarmut

Wien (24. April 2018) – Sozialversicherung zu gleichen Bedingungen für alle. Das Thema ist sperrig, unprosaisch. Unselbständig tätigen Menschen wird mehr als die Hälfte ihrer Beiträge zur verpflichtenden Sozialversicherung (SV) ersetzt, und zwar über den Arbeitgeberbeitrag *. Ganz selbstverständlich. Selbständig Kunstschaffenden wird er nicht ersetzt. Ebenso ganz selbstverständlich. Letztere erhalten seit 2001 im besten Fall einen Zuschuß: den so genannten Morak-Tausender.1

Was ist Kunst? Ganz unten.

Seit Einrichtung des KSV-Fonds 2001 ist der Kreis der Zuschußbezieher begrenzt. Nur wer eine künstlerische Ausbildung auf Hochschulniveau erfolgreich abgeschlossen hat, oder wem alternativ von einer Kommission die Künstlereigenschaft zuerkannt worden ist, wird unterstützt. Außerdem muß eine Pflichtversicherung vorliegen. Wer zuwenig verdient und damit unter der Versicherungsgrenze liegt, kann eine gewisse Zeit – maximal fünf Jahre lang – nur die Einnahmen aus künstlerischer Tätigkeit geltend machen.

Wer "zuviel" verdient, erhält keinen Zuschuß. Diese "Zuvielverdiener-Grenze" liegt heuer bei einem Jahreseinkommen von 28.473,25 Euro.2

Wer ist Künstler?

Verlassen wir Platons Höhle mit Hilfe einer Analogie. Ein Politiker, der von seiner Arbeit lebt, ist ein Politiker. Auch wenn er dereinst die Juristerei mit heißem Bemühn studiert – oder danach als Beamter freigestellt ward und in seiner Freizeit Bergwandern geht. Seine Politik muß auch nicht allen gefallen. Die Person bleibt Politiker. Das wird jeder Politiker verstehen.

Im Falle von Musikschaffenden wird das anders ausgelegt. Mit einem Mal sind Musiker, die Musik unvollkommen oder schlecht interpretieren, angeblich keine Künstler mehr, und Kompositionen, die einem nicht gefallen, keine Kunst. Schlechte Kunst = keine Kunst. Die Sonne der Erkenntnis ist wahrscheinlich gerade untergegangen.

Ständig wechselnde Arbeitsverhältnisse und Lebensbedingungen

Nicht angestellt? Selbst schuld! Wenn schon kein Künstler, dann wenigstens selbständig. Selbständige werden auch nicht arbeitslos, sondern auftragslos. Der Effekt in jedem Fall: kein Einkommen.

Auch Krankengeld oder Kompensation für durch Krankheit entstandenen Verdienstentgang ist für die meisten Selbständigen unerschwinglich. Also wird man nicht krank; und falls es unvermeidlich ist, bittet man um einen raschen, gnädigen Tod. Das ist nicht nur marketingtechnisch geschickt, sondern erhöht auch die Chancen auf den Legendenstatus – postum, sprich: ab dem Ende der SV-Pflicht.

Wehe dem Gesunden, der an den falschen AMS-Berater gerät. Selbst ein Augenzwinkerndes Hätten S' halt was Ordentliches g'lernt! ist ein schwacher Trost, wenn die Empfehlung an eine Bildende Künstlerin lautet: "Sie haben also Erfahrung mit Steinen. Als Bildhauerin kann ich Sie zwar nicht vermitteln, aber in Unterstinkenbrunn wird ein Pflasterer gesucht." – Im Notfall könne man den Beruf ja an den Nagel hängen und nebenbei ein wenig künsteln. Ein schönes Hobby ist doch auch etwas Schönes.

Einem aktiven Rock-Gitarristen ist mit der Weiterleitung eines Stellenangebots Gesucht: Intendant der Salzburger Festspiele in der Regel nicht gedient. Der AMS-Statistik aber umso mehr. Denn das gilt als Stellenvermittlung. Schließlich kämpfen mittlerweile auch AMS-Bedienstete um ihren Arbeitsplatz.

Bei beiden Beispielen handelt es sich um tatsächliche Vorfälle, um Realsatire. Unter Umständen waren die Betroffenen auch nur zu früh dran [vgl. M. Gorbatschow].

Deutschland, Deutschland über alles - wieder einmal

In Deutschland, nebenbei bemerkt, werden freien Kunstschaffenden, Kunstlehrenden und Publizisten die Hälfte ihrer SV-Beiträge ersetzt. Seit fast vierzig Jahren. Natürlich kann nicht alles, was in Deutschland möglich ist, von Österreich übernommen werden. Allein: Nur darüber nachzudenken, wird bereits als frech empfunden. Im Zeitalter des Gefühlsverbrechens ein Grund zur medialen Steinigung. Mindestens.

Wie man es auch dreht und wendet: Der Kriterienkatalog für Förderungen durch die öffentliche Hand zeugt von extrem ungleich verteilter Erkenntnisfähigkeit seines Verfassers. Wer Qualität nicht erkennen kann oder darf, hat eben keine Wahl. Statt Qualität zu finanzieren, wird gefördert: in erster Linie das Unzugängliche, Sperrige, das Innovative sowie Kunst, die sich am Markt nicht durchsetzen kann.

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Ja, sind sie nicht süß, diese armen Hascherl, diese mittlerweile chronisch kranken Mindestpensionisten, wie sie sich jahrzehntelang um Sendezeit bemühen, anstatt sich endlich durchzusetzen. Unverständlich, warum sie nicht einfach ihren Baß wegwerfen und ideologisches Rostschutz-Asyl beantragen. Ideologie löst dialektisch alle Probleme, bis hin zur Feststellung der Künstlereigenschaft. Eine neue Zeit bricht aus. Endlich wird demnächst ein ehemaliger Punk-Bassist Staatsoperndirektor. Als So-nie Leiharbeiter. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Alles Walzer!

Factum est: Kunst besteht zu fünfundneunzig Prozent aus Handwerk.3 Blut, Schweiß und Tränen. Nur wer über das Handwerk nicht mehr nachdenkt, wird einen Hauch des Unermeßlichen und Zeitlosen spüren. Für diese Augenblicke üben wir, um diesen flüchtigen Moment mitzuerleben, harrt das Publikum aus. Oder wäre es zielführender, die Instrumente zu zerhacken und Gulaschsuppe darüberzuleeren? 4 Spontan, innovativ, weit am Publikum vorbei. Wer hat mein Lied so zerstört?                                                                                       pps


Resümee: Wir fordern ein eigenes Künstlersozialversicherungsgesetz, das
- allen Künstlerinnen und Künstlern Versicherungsschutz bietet
- auf wechselnde Arbeitsverhältnisse und Lebensbedingungen Rücksicht nimmt
- und uns auf jeden Fall die Hälfte der SV-Beiträge ersetzt [deutsches Modell].

Wir empfehlen die Teilnahme an der aktuellen Umfrage zur sozialen Lage
Die Frist endet am 13. Mai 2018. Gerüchten zufolge wird unter den Teilnehmern ein wertvoller Preis verlost - oder auch nicht.


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*) Arbeitnehmerbeitrag 17,6%, Arbeitgeberbeitrag 22,5% [Stand 2018]
1) derzeit maximal € 1.896,- pro Jahr
2) diese Grenze verschiebt sich nach oben, wenn z. B. Kinder zu versorgen sind.
3) Hubsi Kramar, Schauspieler und Autor
4) Walter Baco, Pianist und Multikünstler

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